AKTUELL

29.10.2021 – 19.00 Uhr – Märchenstunde im Kunsthaus

Märchen mit der Strahlkraft nach innen

Durch die Vermittlung des früheren Marbacher Pfarrers, Klaus Dieterle, kam es im Fritz Genkinger Kunsthaus zu einer Märchenstunde für Erwachsene, die seelischen Nachhall zeigte

Welches Kind liebt es nicht, Märchen erzählt zu bekommen? Doch auch unter den Erwachsenen erfreut sich eine Märchenstunde oft großer Beliebtheit. Vor allem, wenn diese – wie im Fall des Marbacher Fritz Genkinger Kunsthaus` am Freitagabend –  mit großartiger, bildhafter Kunst gekoppelt ist. Kommt dann noch ein Experte zu Wort, ist das Aufmerksamkeit-bindende Trio perfekt. Der renommierte Märchendeuter und Psychotherapeut Joachim von Lübtow, der seit 23 Jahren die legendären Kellergespräche  in der Ludwigsburger Friedenskirche führt, wo ihm Zuhörer im Alter von 20 bis 80 Jahren lauschen“, schaffte es auch in der Schillerstadt, dass seinen Worten großes Interesse zu Teil wurde. Von Lübtow, der wohl weiß, dass die Grimmschen Märchen für Erwachsene und speziell für Männer, lange Zeit uninteressant gewesen seien, unternimmt bei der Märchendeutung stets den Versuch, diese „gegenwartsbezogen für das Leben“ zu interpretieren. „Die wenigsten Menschen haben jedoch die Märchen gelesen, die ich interpretiere“, so der Psychotherapeut, der von einer „Fülle unbekannter Märchen spricht“ und der eingerahmt von zweien jener Werke saß, die Genkinger zum Märchenthema Eisenhans gemalt hat. Rechts vom Redner das vielfach Erstaunen auslösende Original vom „Eisenhans“, das den sitzenden „Wilden“ mit einer intensiv leuchtenden Kugel zeigt. An der linken Seite schließlich eine Kopie von dem Werk „Der Kopf vom Eisenhans“: Ein Werk, das mitunter Unbehagen oder „sogar Ekel auslöst“ und dem der Künstler ein verblüffendes Merkmal gegeben hat. Denn der wilde Mann mit seinem knotigen, wirren Gesicht hat ein signifikant mildes, interessiertes und freundliches Auge, das hellblau leuchtet. Für von Lübtow allesamt Merkmale, die er faszinierend nachvollziehbar in seine Deutungen einzubinden versteht: „Ein Monster in der Tiefe, bei dem nur noch das Auge an andere Zeiten seines Lebens erinnert“. Doch  bevor der Fachmann damit loslegte, machte er die Zuhörenden mit dem Inhalt des Märchens bekannt: „Ein sehr Langes“, wie er sagte und das er deshalb zusammenfassend erzählte. Erst danach brachte der Experte das Märchen in Beziehung zu den Bildern, um so „das Leben vertiefen zu können“. Bei von Lübtow ist dies freilich kein nüchterner Sachvortrag, sondern ein erquickliches Unterfangen, das die Anwesenden auch tief hinein in die eigene Biografie zieht.

„Ich habe mich zuvor lange mit diesen beiden Bildern beschäftigt“, vertraute von Lübtow dem Publikum an und fügte an: „Sie verändern immer wieder ihre Aussage; es hängt von meiner eigenen Stimmung ab, welche ich darin sehe“. Das Spiel, mit den Deutungs-Möglichkeiten zu jonglieren, nutzte der Redner intensiv und sprach dabei das Innerste der Zuhörerinnen und Zuhörer an, die sich etwa mit ihrem „inneren Kind, mit Ungereimtheiten oder auch den Chancen ihres eigenen Lebens konfrontiert sahen. „Das Märchen nennt Themen, die wir uns kaum wagen auszusprechen. Doch sie sind Hoffnungsmärchen. Immer geht es darum: Wie gelingt das Leben? Wodurch ist es gut geworden oder was hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin? Märchen setzen Impulse frei und geben Anstöße für das reale Leben“, so der Märchen-Fachmann, der begeisterten Applaus bekam.

Am Freitag den 29.10 wird die Märchenstunde zum „Eisenhans“ im Fritz Genkinger Kunsthaus wiederholt. Anmeldung info@fritz-genkinger-kunsthaus.de Die Teilnehmerzahl ist begrenzt der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.                      

Freundeskreis Fritz Genkinger e.V